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Stromata Editions · Artikel zur Didache

Das Vaterunser in der Didache:
Was wenige Worte sichtbar machen

In dieser frühchristlichen Lehrschrift umfasst das Gebet nur einen Absatz. Wer genauer liest, entdeckt darin sowohl Eigenheiten des griechischen Textes als auch Entscheidungen seiner Übersetzer.

Vertraute Worte können dazu verleiten, einen Satz aus dem Gedächtnis zu ergänzen, bevor man ihn zu Ende gelesen hat. Beim Vaterunser liegt das besonders nahe. Doch nicht alle Menschen kennen dieselbe Fassung — und nicht jeder Unterschied lässt sich aus einer anderen Sprache übertragen.

So lautet eine Bitte im Gebetstext auf der Website der EKD bereits „vergib uns unsere Schuld“. Für Leserinnen und Leser dieser Fassung ist die Einzahl also keine überraschende Neuerung. Ein deutscher Kommentar, der den Gegensatz zwischen einem einzelnen „debt“ und mehreren „debts“ aus dem Englischen übernimmt, würde am eigenen Publikum vorbeigehen. EKD: Vaterunser.

Interessanter ist der Blick auf den konkreten Text: Warum verwendet Stromata „Prüfung“? Was bedeutet „dem Bösen“? Und weshalb nennt der Schluss Kraft und Herrlichkeit? Wir erläutern hier unsere deutsche Übersetzung der Didache. Wir wollen weder eine gottesdienstliche Gebetsfassung ersetzen noch den ursprünglichen Wortlaut des gesprochenen Gebets rekonstruieren.

Ein Gebet bekommt seinen Platz im Tag

Die Didache ist eine frühchristliche Lehrschrift über Lebensführung und gemeinschaftliche Praxis. Ihr achtes Kapitel nennt zunächst Fasttage, führt dann das Vaterunser an und fordert anschließend dazu auf, dreimal am Tag so zu beten. Die Worte gehören zu einem wiederkehrenden Rhythmus. Didache 8,1–8,3.

Eine Vorschrift ist allerdings kein Tagebucheintrag. Sie zeigt, welche Praxis der Text verlangt, nicht, wie konsequent jeder Mensch sie befolgte. Dennoch wird etwas sichtbar: Das Gebet steht hier in einem Zusammenhang mit Zeit, Gewohnheiten und dem Leben mit anderen.

Was heißt „dem Bösen“?

Im Griechischen steht ἀπὸ τοῦ πονηροῦ. Die Form πονηροῦ kann maskulin oder neutral sein. Möglich sind daher ein persönliches Verständnis — der Böse — und ein Verständnis als das Böse. Die Endung allein entscheidet die Frage nicht.

Die deutsche Stromata-Fassung lautet an dieser Stelle „rette uns vor dem Bösen“. Auch diese deutsche Form löst die Mehrdeutigkeit nicht einfach auf: Sowohl „der Böse“ als auch „das Böse“ ergeben im Dativ „dem Bösen“. Man darf der deutschen Übersetzung deshalb nicht ungeprüft genau die Eindeutigkeit zuschreiben, die eine anderssprachige Formulierung nahelegt.

Die Anmerkung der NET-Übersetzer zur entsprechenden Wendung in Matthäus 6,13 erwägt beide Möglichkeiten und bevorzugt die persönliche Deutung. Sie behandelt Matthäus, nicht eigens die Didache. NET: Anmerkung zu Matthäus 6,13.

Im griechischen Ausdruck steht kein eigenes Substantiv für den Teufel, das ein Übersetzer einfach gestrichen hätte. Daraus folgt aber ebenso wenig, dass ein persönliches Verständnis ausgeschlossen wäre. Die Erläuterung sollte die Frage offenlegen, statt mehr Sicherheit zu behaupten, als die Wortform bietet.

Eine schräg betrachtete Steinöffnung mit beleuchteten Innenkanten.
Konzeptuelle Illustration, keine historische Rekonstruktion.

Schuld im Singular

Beim nächsten Beispiel lässt sich eine Beobachtung unmittelbar am Text prüfen. Die Didache hat τὴν ὀφειλὴν ἡμῶν, also unsere Schuld, im Singular. In der deutschen Stromata-Fassung steht entsprechend „erlasse uns unsere Schuld“. Die Schuldner im folgenden Satzteil stehen dagegen im Plural. Didache 8,2.

Im Deutschen kann Schuld eine zusammenfassende Bedeutung haben. Aus dem Singular lässt sich deshalb weder ein einzelner Fehltritt abzählen noch eine vollständige Lehre über Schuld ableiten. Deutlich ist zunächst die Verbindung, die der Satz herstellt: Die Bitte um Erlass steht neben dem eigenen Erlassen gegenüber anderen.

Die Einzahl ist ein Textbefund. Eine weitergehende Erklärung ihrer theologischen Bedeutung wäre bereits eine Interpretation und müsste eigens begründet werden.

Prüfung und Versuchung

In der nächsten Bitte steht πειρασμός. Je nach Zusammenhang kann das Wort Prüfung oder Versuchung bezeichnen. Stromata übersetzt: „Führe uns nicht in eine Prüfung“. Damit rückt eine Situation der Bewährung oder Bedrängnis in den Vordergrund, nicht ausschließlich der Anreiz, Unrecht zu tun. Didache 8,2; NET-Übersetzungsanmerkung zu Matthäus 6,13.

Diese Bedeutungen sind nicht streng voneinander getrennt: Eine Prüfung kann zugleich zur Versuchung werden. Die Wahl eines deutschen Wortes beantwortet daher noch nicht sämtliche Fragen der Bitte, etwa nach Gottes Handeln und menschlicher Verantwortung. Sie macht eine sprachliche Möglichkeit sichtbar, ohne andere Gebetsfassungen pauschal für falsch zu erklären.

Warum der Schluss Kraft und Herrlichkeit nennt

Der abschließende Lobpreis heißt auch Doxologie. Im hier zugrunde gelegten griechischen Text der Didache nennt er Kraft und Herrlichkeit. Vom Reich ist schon zuvor die Rede, in der Bitte um sein Kommen; im abschließenden Lobpreis selbst steht das Wort aber nicht. Didache 8,2.

Wer es dort ergänzt, verändert mehr als den deutschen Stil: Ein Bestandteil einer anderen Gebetsfassung wandert in die Didache hinein. Stromata behält deshalb den kürzeren Schluss bei. Damit ist noch nicht entschieden, welche Schlussform das Gebet bei Matthäus oder in seiner mündlichen Überlieferung ursprünglich hatte.

Das Brot, das wir brauchen

Eine weitere Entscheidung steckt in ἐπιούσιος. Stromata gibt die Bitte mit „Das Brot, das wir brauchen, gib uns heute“ wieder. Die Übersetzung hebt damit den notwendigen Lebensunterhalt hervor.

Sie beseitigt jedoch nicht die Schwierigkeit des griechischen Wortes. Zu den diskutierten Verständnissen gehören die tägliche Versorgung, das zum Leben Notwendige und ein Bezug auf den kommenden Tag. Dazu gibt es auf Stromata einen eigenen Beitrag über Übersetzungsentscheidungen.

Für den deutschen Kommentar zählt die tatsächlich gedruckte Formulierung. Er sollte weder eine russische Wortwahl so erläutern, als stünde sie auch hier, noch behaupten, mit „brauchen“ sei die griechische Bedeutungsfrage endgültig gelöst.

Licht fällt durch eine kreisrunde Öffnung auf einen Steinboden.
Konzeptuelle Illustration, keine historische Rekonstruktion.

Erst lesen, dann aus dem Gedächtnis ergänzen

Die Unterschiede haben verschiedene Ursachen. Der Singular der Schuld und die Bestandteile des Schlusses gehören zur Textgestalt. „Prüfung“ und die Umschreibung des Brotes machen Übersetzungsentscheidungen sichtbar. „Dem Bösen“ zeigt zusätzlich, dass auch die Zielsprache eine Mehrdeutigkeit bewahren kann.

Man muss ein vertrautes Gebet nicht aufgeben, um diese Unterschiede wahrzunehmen. Es genügt zunächst, den fremden Text ausreden zu lassen. Wer anschließend Kapitel 8 noch einmal auf Deutsch und Griechisch liest, kann genauer erkennen, was in der Zeile steht — und was die eigene Erinnerung hinzufügt.

Die Zitate aus der Didache wurden mit den griechischen und deutschen Quelltexten des Stromata-Readers abgeglichen. Der Beitrag entscheidet nicht über die Richtung einer literarischen Abhängigkeit zwischen Didache und Matthäusevangelium.

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