Stromata-Forschungsartikel
Von der Heiligen Rus zur Russischen Welt
Wie religiöses Gedächtnis, imperiale Imagination und postsowjetische Politik zu einer politischen Theologie des Krieges wurden
Redaktion: Mercury Gudym
Wie religiöses Gedächtnis, imperiale Imagination und postsowjetische Politik zu einer politischen Theologie des Krieges wurden
Die Ideologie, die heute als „Russische Welt“ bezeichnet wird, entstand nicht plötzlich. Sie lässt sich weder allein durch moderne Geopolitik noch allein durch orthodoxe Theologie oder allein durch die persönliche Rolle einzelner kirchlicher und staatlicher Akteure erklären. Sie setzte sich aus unterschiedlichen historischen Schichten zusammen: aus dem Taufgedächtnis der Rus, byzantinischen Vorstellungen vom christlichen Reich, der Moskauer Sakralisierung von Herrschaft, imperialer Konfessionspolitik, slawophiler Geschichtsphilosophie, der sowjetischen Erfahrung kirchlichen Überlebens und der postsowjetischen Suche nach einer neuen historischen Ganzheit.
Gerade deshalb lässt sich die Frage nach der „Russischen Welt“ nicht auf die einfache Frage reduzieren: Wer hat sie erfunden? Die genauere Frage lautet anders: Welche alten religiösen und historischen Symbole wurden allmählich in die Sprache von Zivilisation, Kultur, kanonischem Territorium, Diaspora, geopolitischer Mission und schließlich „heiligem Krieg“ übersetzt?
Die Hauptthese dieser Untersuchung lautet: Die heutige „Russische Welt“ ist weder ein Dogma noch ein kanonisches Prinzip im strengen kirchlichen Sinn. Sie ist eine vielschichtige politisch-theologische Konstruktion. In der offiziellen Selbstbeschreibung des Moskauer Patriarchats und der mit ihm verbundenen Institutionen wird sie häufig als geistig-kulturelle und zivilisatorische Gemeinschaft dargestellt. In der kritischen theologischen Literatur erscheint sie hingegen als Form des Ethnophyletismus, eines nationalisierten Orthodoxie-Verständnisses und der Sakralisierung imperialer Politik.
Beide Rahmungen sind für das Verständnis des Streits wichtig. Wenn man in der „Russischen Welt“ nur einen propagandistischen Slogan sieht, übersieht man ihre tiefen historischen Wurzeln. Wenn man in ihr eine direkte Fortsetzung alter orthodoxer Tradition sieht, verliert man die späteren ideologischen Umformungen aus dem Blick. Die Wirklichkeit ist komplexer: Der moderne Begriff entstand dort, wo kirchliche Sprache, kulturelles Gedächtnis, imperiale Imagination, postsowjetische Identität und geopolitische Mobilisierung als ein einziges System zu funktionieren begannen.
Wie diese Studie zu lesen ist
Diese Studie behauptet nicht, dass zwischen der Taufe der Rus und der heutigen „Russischen Welt“ eine direkte und ununterbrochene Linie besteht. Im Gegenteil: Das zentrale methodische Risiko liegt gerade darin, eine spätere Ideologie rückwirkend auf Epochen zu projizieren, die sie selbst noch nicht kannten.
Deshalb ist es hier wichtig, mehrere Ebenen zu unterscheiden:
- vormoderne religiöse Vorstellungen von der Heiligkeit der Rus und ihrem Platz in der christlichen Oikumene;
- frühneuzeitliche und imperiale Formen der Sakralisierung von Herrschaft, Staat und historischer Mission;
- die postsowjetische Institutionalisierung der „Russischen Welt“ als kultursprachliches und zivilisatorisches Projekt;
- die Transformation dieses Projekts nach 2014 und besonders nach 2022–2024 zu einer härteren politischen Theologie des Krieges.
Diese Unterscheidung erlaubt es, zwei Dinge zugleich festzuhalten: Die heutige „Russische Welt“ hat tatsächlich tiefe historische Voraussetzungen, aber sie ist selbst keine alte orthodoxe Lehre. Sie ist eine späte Konstruktion, zusammengesetzt aus realen, aber uneindeutig neu interpretierten Erbschaften.

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Die Taufe der Rus und die frühe Idee der Heiligen Rus
Die tiefste historische Schicht der späteren „Russischen Welt“ ist nicht der Begriff selbst. Ihn gibt es damals noch nicht. Es geht um etwas anderes: um eine sakrale Geographie, die sich nach der Taufe der Rus herauszubilden begann.
In der altrussischen Schriftkultur verfestigte sich allmählich die Verbindung zwischen der Taufe Wladimirs in Kiew, dem Land der Rus und dem orthodoxen Glauben. Heiligenviten, Predigten, Gebete und chronikalisches Gedächtnis schufen das Bild eines Volkes und eines Landes, die in die christliche Geschichte eingetreten waren. Wichtig ist jedoch zu betonen: Der besondere geistliche Status der Rus wurde nicht als selbstgenügsame Überlegenheit verstanden, sondern als Teilhabe an der byzantinisch-christlichen Welt.
Genau hier entsteht eine erste Spannung. Einerseits wurde das Taufgedächtnis tatsächlich zu einem Fundament der späteren religiös-historischen Identität. Andererseits war die Kiewer Rus kein fertiges Urbild der späteren Moskauer Staatlichkeit oder einer modernen zivilisatorischen Ideologie. Historisch angemessener ist es, sie in einem breiten europäischen und byzantinischen Rahmen zu sehen.
Die Bedeutung von Byzanz kann hier kaum überschätzt werden. Von dort übernahmen die Länder der Rus Liturgie, kanonische Tradition, die Vorstellung vom christlichen Reich und das Bild einer normativen Verbindung von kirchlicher und staatlicher Macht, die später als Symphonie beschrieben werden sollte. Doch auch hier ist Vorsicht nötig. Die byzantinische Symphonie hatte ihre eigene komplexe Geschichte und wurde in späteren orthodoxen Kulturen oft bereits als idealisiertes Modell erinnert.
Deshalb wäre ein direkter Weg von der byzantinischen Symphonie zur heutigen „Russischen Welt“ eine zu einfache Erklärung. In den frühen Quellen geht es vor allem um die Christianisierung der Gesellschaft, um die Heiligkeit des Volkes Gottes und um den Eintritt der Rus in das orthodoxe Universum. Noch gibt es dort keine Idee einer selbstgenügsamen überstaatlichen Zivilisation, die eine besondere Mission gegenüber der ganzen Welt hätte.
Ebenso vorsichtig ist über den Ausdruck „Heilige Rus“ zu sprechen. Er hat eine komplexe Geschichte. Mit ihm verbundene Formeln lassen sich in der frühen Tradition nicht direkt und nicht kontinuierlich verfolgen. Die frühesten verlässlichen Belege für den Ausdruck „Holy Russia“ gehören dem späten 16. und frühen 17. Jahrhundert an; zwischen dieser Zeit und dem 19. Jahrhundert blieb er häufig vor allem im altgläubigen Milieu erhalten und wurde nicht zu einer offiziellen Staatsideologie.
Mit anderen Worten: Die „Heilige Rus“ war vor allem ein religiös-kulturelles Bild, eine sakrale Topologie, eine Weise, über Land, Glauben und Gedächtnis zu sprechen. Sie war eine wichtige Voraussetzung späterer Ideologien, aber nicht bereits deren fertiger Inhalt.
Moskau nach Konstantinopel und die umstrittene Kontinuität des Dritten Rom
Der Fall Konstantinopels veränderte die imaginierte Karte der orthodoxen Welt. Nach dem Verschwinden des byzantinischen imperialen Zentrums wurde es möglich, über ein neues Zentrum christlicher Legitimität nachzudenken. In diesem Kontext erscheint die berühmte Formel von Moskau als dem Dritten Rom, die vor allem mit den Briefen des Philotheos von Pskow verbunden ist.
Die moderne Historiographie warnt jedoch zunehmend vor einer allzu geradlinigen Lektüre dieser Idee. Das vertraute Bild des Dritten Rom als früher, bereits damals geschlossener und expansionistischer Staatsideologie ist stark überzeichnet. Hinweise auf eine aktive Verwendung dieses Themas in eigentlich Moskauer Quellen sind selten, besonders vor dem Ende des 16. Jahrhunderts.
Diese Präzisierung ist grundlegend. Im späteren russischen und besonders im postsowjetischen Gedächtnis fungiert das Dritte Rom häufig als fertiger Vorfahr moderner imperialer Ansprüche. Folgt man jedoch den historischen Daten, ist die Kontinuität hier nicht linear. Wir sehen nicht einen geraden Weg, sondern mehrere Wellen der Aktualisierung: frühneuzeitliche kirchenpolitische Rhetorik, imperiales und nationalreligiöses Denken des 19. Jahrhunderts und anschließend geschichtsphilosophische und zivilisatorische Rekonstruktionen des 20. und 21. Jahrhunderts.
Zwischen Philotheos und der heutigen „Russischen Welt“ liegt keine bruchlose Brücke, sondern eine lange Reihe von Neuinterpretationen.
Gleichzeitig entwickelte Moskau tatsächlich eigene Formen der Sakralisierung von Raum und Herrschaft. Bilder des Neuen Israel, des Neuen Jerusalem, der besonderen Bestimmung des Zaren und der Moskauer Heiligtümer verbanden allmählich Volk, Land, kirchliche Wahrheit und staatliche Mission. Die heutige „Russische Welt“ schöpft nicht aus einer einzigen Formel des Dritten Rom, sondern aus einer breiteren Gewohnheit, religiöse Wahrheit, historischen Raum und politische Macht als Teile einer einheitlichen Ordnung zu denken.
Deshalb sollte das Dritte Rom in der Genealogie der „Russischen Welt“ nicht als fertiger Ursprung, sondern als einer der entscheidenden Gedächtnisknoten betrachtet werden. Es stellte die Frage: Kann Moskau sich als Erbin des gefallenen christlichen imperialen Zentrums verstehen? Die Antwort auf diese Frage veränderte sich von Jahrhundert zu Jahrhundert. Im 21. Jahrhundert wird aus dieser Tradition weniger der wörtliche Text Philotheos' gefragt sein als vielmehr die Logik der historischen Übertragung selbst: Wenn das frühere Zentrum gefallen ist, kann sich ein neues Zentrum als Hüter der Wahrheit, politischer Schutzwall und zivilisatorischer „Katechon“ darstellen.

Imperium, Konfessionspolitik und die Sprache des Sonderwegs
In der synodalen und imperialen Periode wurde nicht mehr nur das sakrale Moskauer Erbe entscheidend, sondern auch die praktische Verbindung der Orthodoxie mit dem Aufbau des Imperiums.
Im 18. und 19. Jahrhundert existierte die Orthodoxe Kirche innerhalb eines komplexen imperialen Systems: Staatsaufbau, territoriale Expansion, Multiethnizität, Säkularisierung und religiöser Pluralismus wirkten ständig aufeinander ein. Die Orthodoxie sollte „herrschendes Bekenntnis“ und zugleich ein integratives Prinzip des Imperiums sein. Doch gerade in dieser Rolle wurden ihre inneren Grenzen sichtbar.
An den Peripherien des Imperiums konnte kirchliche Politik als Instrument der Russifizierung und konfessionellen Assimilation wahrgenommen werden. Statt einfacher Integration erzeugte sie nicht selten gegenteilige Effekte: Ethnisierung, Widerstand, religiöse Entfremdung. Das ist für das Verständnis der späteren „Russischen Welt“ wichtig, weil sich hier die Vorstellung herausbildet, Orthodoxie, russische Kultur und staatliche Einheit bildeten einen natürlichen Zusammenhang.
Doch auch diese Linie darf nicht mechanisch in die Gegenwart übertragen werden. Die imperiale Formel war vor allem staatlich-konfessionell. Die moderne „Russische Welt“ wird sie später anders umformen: nicht als Imperium im rechtlich-politischen Sinn, sondern als überstaatliche Zivilisation. Das verleiht dem Konzept größere Flexibilität. Ein Imperium hat Grenzen und Institutionen; eine Zivilisation kann weiter, weicher und zugleich gefährlicher gedacht werden — als Raum von Sprache, Gedächtnis, Glauben, Werten und geschichtlicher Bestimmung.
Slawophilie und Panslawismus brachten ein weiteres Element in diesen Prozess ein: die Idee eines besonderen historischen Weges und einer moralisch-religiösen Berufung Russlands. Doch auch hier ist es wichtig, sie nicht mit der „Russischen Welt“ gleichzusetzen. Der Panslawismus als Bewegung entstand nicht bei den Ostslawen, sondern in Mitteleuropa, und erhielt erst später russische und imperiale Varianten. Die heutige „Russische Welt“ ist keine einfache Fortsetzung des Panslawismus. Sie übernimmt aus ihm eher das Motiv kulturell-historischer Einheit und antiwestlicher Mobilisierung, stellt diese Motive aber nicht mehr in einen rein slawischen, sondern in einen zivilisatorisch-orthodoxen Rahmen.
Zu dieser Schicht kam die russische Religionsphilosophie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts hinzu. Wladimir Solowjow und andere Denker der religiösen Renaissance versuchten, das Verhältnis von Christentum, Nation und Universalität neu zu denken. Hier entstand eine Doppelheit, die später auch für die „Russische Welt“ wichtig werden sollte: einerseits die Behauptung eines besonderen historischen Weges; andererseits der Anspruch, nicht nur im Namen der eigenen Nation, sondern im Namen einer umfassenderen moralischen Ordnung zu sprechen.
So entstand ein Wortschatz, ohne den die spätere Konstruktion unmöglich gewesen wäre: heiliges Land, besonderes Volk, historische Mission, orthodoxe Kultur, imperiale Einheit, Sobornost, universale Berufung. Doch bis zum Ende der imperialen Epoche war dies noch nicht die „Russische Welt“ als moderne Doktrin. Es war ein Bündel von Bildern und Bedeutungen, die erst später zu einer geschlosseneren ideologischen Form zusammengefügt werden sollten.
Der sowjetische Bruch und die postsowjetische Rückkehr
Die sowjetische Periode hätte auf den ersten Blick die religiöse Kontinuität abbrechen müssen. Doch gerade die sowjetische Erfahrung machte die spätere Ideologie besonders spannungsgeladen.
Die Russische Kirche durchlief im 20. Jahrhundert Repression, erzwungene Zusammenarbeit, Dissidententum, Emigration und begrenztes Überleben innerhalb eines Systems, das der Religion lange feindlich gegenüberstand. Die Zerstörung kirchlicher Infrastruktur, die Kontrolle über das kirchliche Leben und später die teilweise Rückkehr der Kirche in den öffentlichen Raum schufen ein traumatisches Gedächtnis. In diesem Gedächtnis verband sich die Frage nach der Kirche mit der Frage nach Staat, historischer Katastrophe und nationaler Rettung.
Doch die sowjetische Periode zerstörte nicht nur. Sie brachte im Moskauer Patriarchat auch bestimmte internationale Fähigkeiten hervor: Kirchendiplomatie, Erfahrung äußerer Kontakte, die Gewohnheit, über das eigene Territorium hinaus zu sprechen. Selbst unter staatlicher Kontrolle lernte die Kirche, in einem internationalen Feld zu existieren. Nach dem Zerfall der UdSSR wurde diese Erfahrung wichtig, als Beziehungen zur Diaspora, zum Ausland und zu dem, was zunehmend als „historisches Russland“ bezeichnet wurde, neu gesammelt werden mussten.
Nach 1991 begann nicht einfach eine religiöse Renaissance. Es begann ein Kampf um eine neue Formel historischer Ganzheit. Die postsowjetische Russische Kirche trat in diese Epoche mit dem Gedächtnis an Repression, Kollaboration, Distanz und Emigration ein. Ihre Identität konnte nicht einfach sein. Zugleich nahm sie rasch einen sichtbaren Platz im öffentlichen Leben ein, und seit den 2000er Jahren arbeitete sie immer enger mit dem Staat in Projekten historischen Gedächtnisses, patriotischer Erziehung und äußerer symbolischer Einflussnahme zusammen.
Auf diesem Boden wurde eine neue Zusammenfügung alter Symbole möglich. Die „Heilige Rus“ konnte nicht mehr nur als religiöse Formel geistlichen Gedächtnisses funktionieren. Nach dem Zerfall der UdSSR wurde eine Sprache gebraucht, die zugleich von Kultur, russischer Sprache, Geschichte, Diaspora, postsowjetischem Raum und kanonischer Ganzheit sprechen konnte. So beginnt der Übergang von vormodernen und vorrevolutionären Symbolen zu einem neuen intellektuellen Konstrukt — der „Russischen Welt“.
Die postsowjetische Ausformung der „Russischen Welt“ und die Rolle Patriarch Kyrills
Sucht man nach einer der frühen programmatischen Formulierungen des modernen Konzepts, ist der Text von Pjotr Schtschedrowizki „Russki mir i transnatsionalnoje russkoje“, veröffentlicht im Jahr 2000, ein wichtiger Punkt. Darin wird die „russische Welt“ bereits nicht einfach als Staat gedacht, sondern als netzwerkartige, transnationale Struktur großer und kleiner Gemeinschaften. Das ist noch keine kirchliche und keine voll ausgearbeitete staatliche Doktrin. Eher wurde hier eine Sprache vorgeschlagen, der sich später unterschiedliche Akteure bedienen sollten.
Die staatliche Institutionalisierung folgte 2007, als durch einen Präsidentenerlass die Stiftung „Russki Mir“ gegründet wurde. In dieser Phase wurde das Konzept vorwiegend in kultursprachlichen und humanitären Kategorien formuliert: Unterstützung der russischen Sprache, Stärkung ihrer Stellung in der Welt, Arbeit am humanitären Einfluss Russlands. Die „Russische Welt“ trat damals vor allem als Soft Power auf — als Netzwerk von Sprache, Kultur, Gedächtnis und Landsleuten, nicht als theologische Formel oder militärisches Manifest.
Entscheidend wurde die Beteiligung der Kirche, und innerhalb der Kirche vor allem Patriarch Kyrill. Auf der III. Versammlung der Stiftung „Russki Mir“ im Jahr 2009 verband er die Zukunft der russischen Kultur und der „Russischen Welt“ mit der Herausforderung der Globalisierung. In den Materialien der Versammlung werden bereits wichtige Thesen festgehalten: Als geistliche Grundlage der „Russischen Welt“ wird die Russische Orthodoxe Kirche bezeichnet; das Wort „russisch“ im kirchlichen Namen wird nicht ethnisch, sondern kulturell ausgelegt; die Russische Auslandskirche wird als Teil der Sammlung der zersplitterten Welt der russischen Tradition dargestellt.
Hier wird das Wesentliche sichtbar: Kyrill erfand den Begriff nicht aus dem Nichts. Aber gerade er überführte ihn aus dem Bereich eines kulturellen Projekts in eine ekklesial-zivilisatorische Sprache.
Auf der IV. Versammlung der „Russischen Welt“ im Jahr 2010 wurde diese Sprache noch bestimmter. Kyrill sprach nun nicht mehr nur von Sozialisation, sondern von integrativer Zusammenarbeit gleichberechtigter souveräner Staaten, die ihr Leben im Raum der Heiligen Rus eingerichtet hätten. Das ist eine wichtige Formel. Sie zeigt, dass in seinem Wortschatz die „Russische Welt“ von Anfang an weder mit der Russischen Föderation noch mit einer rein kirchlichen Gemeinschaft identisch ist. Sie wird als postimperialer, überstaatlicher, aber historisch verbundener Raum gedacht.
Bis 2014 wurde diese Sprache noch härter. In einer offiziellen Mitteilung des Patriarchats bezeichnete Kyrill die „Russische Welt“ direkt als besondere Zivilisation, die auf das Kiewer Taufbecken zurückgehe, und betonte, dass dies nicht die Welt der Russischen Föderation und nicht die Welt des Russischen Reiches sei, sondern eine weiter gefasste Gemeinschaft. Zu ihr gehören nach dieser Logik Russen, Ukrainer, Belarussen und sogar Nichtslawen, die ihren geistig-kulturellen Gehalt übernommen haben.
Später betonte Kyrill auf dem XXV. Weltkonzil des Russischen Volkes erneut, dass die „Russische Welt“ für ihn kein ethnischer Begriff sei und auch Völker anderer Religionen umfassen könne, die gemeinsame Werte des gesellschaftlichen Lebens teilten. Diese Selbstbeschreibung ist wichtig. Sie zeigt, dass Kyrill nicht als „Schöpfer“ des Begriffs im strengen Sinn auftritt, sondern als dessen wichtigster Systematisierer, zivilisatorischer Interpret und institutioneller Promoter.
Gleichzeitig erscheint die „Russische Welt“ im offiziellen Korpus der Grunddokumente des Moskauer Patriarchats nicht als grundlegende dogmatische Kategorie. Das Statut, die „Grundlagen der Sozialkonzeption“, die Dokumente über Würde, Freiheit und Menschenrechte sprechen von Kirche, Nation, Staat und Gesellschaft, erheben die „Russische Welt“ aber nicht in den Rang eines Dogmas. Mehr noch: Die Sozialkonzeption selbst betont den übernationalen Charakter der Kirche. Das bedeutet, dass die „Russische Welt“ nicht direkt aus dem Dogma abgeleitet wird. Sie entsteht auf einer anderen Ebene — auf der Ebene der Sozialdoktrin, des kulturellen Gedächtnisses und der politischen Theologie.
Vom zivilisatorischen Projekt zur politischen Theologie des Krieges
Zu Beginn der 2010er Jahre erfüllte die „Russische Welt“ bereits mehrere Funktionen zugleich. Sie half, über die Identität Russlands im postsowjetischen Raum zu sprechen, über die Soft Power der russischen Sprache und Kultur, über die kirchliche historische Gemeinschaft der Ostslawen, über kanonische und historische Ganzheit jenseits der heutigen Grenzen der Russischen Föderation.
Deshalb kann man nach 2014 nicht von einer plötzlichen Geburt einer neuen Ideologie sprechen. Eher kam es zu einer politischen Freilegung einer bereits entstandenen Mischung religiöser, historischer und zivilisatorischer Sprache.
Das Jahr 2014 wurde zum Wendepunkt, weil die Annexion der Krim und der Krieg im Donbas die „Russische Welt“ aus der zweideutigen Sphäre eines humanitären Projekts in den Raum des offenen politischen Konflikts führten. Das Konzept wurde nun nicht mehr nur als kulturelles Netzwerk oder Erinnerung an Landsleute gelesen, sondern als Komposition religiöser, nationalistischer und imperialer Narrative. Es war nicht der Beginn der Genealogie, sondern der Beginn ihrer radikalen politischen Aktualisierung.
Nach 2022 kam es zu einer weiteren Mutation. Die internationale theologische „Erklärung zur Lehre von der ‘Russischen Welt’“ beschrieb diese Lehre als Doktrin einer transnationalen russischen Sphäre oder Zivilisation, die Heilige Rus genannt werde und Russland, die Ukraine, Belarus und die Diaspora umfasse. Die Erklärung verurteilte sie als Form einer ethnophyletistischen und nationalistischen Verzerrung der Orthodoxie. In der anschließenden wissenschaftlichen und theologischen Literatur entfaltete sich ein Streit über den theologischen Status des Konzepts: Für die einen handelt es sich um eine Irrlehre, für andere um ein Beispiel des Missbrauchs einer im Ganzen legitimen zivilisatorischen Sprache.
Unabhängig von der Bewertung der Erklärung selbst erfasste sie jedoch präzise das zentrale Problem: Die moderne „Russische Welt“ beansprucht nicht nur, eine kulturelle Gemeinschaft zu beschreiben. Sie beginnt, eine historisch-politische Ordnung zu sakralisieren.
Den Höhepunkt dieses Prozesses bildete der Beschluss des XXV. Weltkonzils des Russischen Volkes, der am 27. März 2024 unter dem Vorsitz von Patriarch Kyrill verabschiedet wurde. In den offiziellen Veröffentlichungen des WRNS wird Russland als Schöpfer, Stütze und Beschützer der Russischen Welt bezeichnet, deren Grenzen weiter seien als die Staatsgrenzen der Russischen Föderation. Dort wird auch der höchste Sinn der Existenz Russlands und der von ihm geschaffenen Russischen Welt durch das Bild des weltweiten „Katechon“ beschrieben, der die Welt vor dem Bösen schützt.
Genau hier verschmilzt die Sprache der Zivilisation endgültig mit der Sprache der Eschatologie und des Krieges. Neuere Studien deuten den Beschluss als Versuch, den Krieg auf eine höhere sakrale, kosmische und apokalyptische Ebene zu heben; andere Autoren weisen darauf hin, dass das Dokument den Krieg gegen die Ukraine als „heiligen Krieg“ charakterisiert habe.
In diesem Licht wird die Rolle Kyrills besonders deutlich. Er war nicht der einzige Autor aller Bedeutungen, die in die „Russische Welt“ eingegangen sind. Der Begriff und einige postsowjetische Verwendungen gingen ihm voraus. Aber gerade er verwandelte heterogenes Material konsequent in eine kirchlich-gesellschaftliche Sprache großer Gemeinschaft, dann in die Sprache der Zivilisation und in der neuesten Phase in die Sprache einer sakralisierten historischen Mission.
Daher lautet die genaueste Bestimmung seiner Rolle nicht „Schöpfer“, sondern Systematisierer, institutioneller Promoter, theologischer Interpret und später sakralisierender Legitimator.

Der theologische Status der „Russischen Welt“
Aus theologischer Sicht bleibt die Unterscheidung der Ebenen entscheidend. Blickt man auf Dogma und Kanon, besitzt die „Russische Welt“ nicht den Status einer allgemein verbindlichen kirchlichen Lehre. Die Grunddokumente der Russischen Orthodoxen Kirche sprechen von Kirche, Nation, Staat, menschlicher Würde, Krieg und Frieden, erheben die „Russische Welt“ aber nicht in den Rang dogmatischer Wahrheiten.
Mehr noch: Die offizielle Sozialkonzeption betont den übernationalen Charakter der Kirche und erinnert daran, dass es in Christus keine Trennung nach ethnischen Kriterien gibt. Wenn die „Russische Welt“ daher als nahezu selbstverständliche Fortsetzung der orthodoxen Glaubenslehre präsentiert wird, haben wir es nicht mit einer doktrinalen Notwendigkeit zu tun, sondern mit einer späteren politisch-ekklesiologischen Interpretation.
Das bedeutet jedoch nicht, dass das Konzept keinen religiösen Gehalt hätte. Seine Kraft liegt gerade darin, dass es nicht auf Leere beruht, sondern auf echten Schichten der Tradition: dem Gedächtnis der Kiewer Taufe, dem Bild der Heiligen Rus, der Erfahrung der Diaspora, der Idee der Sobornost, dem byzantinischen Erbe und der realen historischen Verbindung der Kirche mit der Kultur der Ostslawen.
Das Problem beginnt dort, wo diese Elemente umgebaut werden. Ekklesiologische Gemeinschaft beginnt mit historischer Zivilisation zu verschmelzen, Zivilisation mit einem politischen Körper und der politische Körper mit der strategischen Bestimmung des Staates. In diesem Moment hört theologische Sprache auf, nur Sprache des Zeugnisses zu sein, und wird zur Sprache der Legitimation von Macht.
Genau hier liegt das, was Kritiker des Konzepts als seine zentrale Deformation bezeichnen.
Ergebnis: Kontinuität und Transformation
Die Antwort auf die zentrale Forschungsfrage muss zusammengesetzt sein. Die heutige „Russische Welt“ ist weder überwiegend theologische noch überwiegend rein geopolitische Wirklichkeit. Sie ist eine Synthese des Kulturellen, Historischen, Kirchlichen, Zivilisatorischen, Postimperialen und Politischen.
Im Verlauf ihrer Entwicklung verschob sich jedoch ihr Schwerpunkt. In frühen Stadien überwogen Gedächtnis, sakrale Topologie und ekklesial-kulturelle Gemeinschaft. In der imperialen Epoche trat konfessionell-staatliche Integration hervor. In der frühen postsowjetischen Periode dominierte ein kultursprachlicher und diasporaler Rahmen. Bei Kyrill entstand eine zivilisatorisch-ekklesiologische Systematisierung. Nach 2014 folgte defensive geopolitische Mobilisierung. Nach 2022–2024 entstand eine apokalyptisierte politische Theologie.
Gerade deshalb ist es historisch falsch, von der „Russischen Welt“ als einer einfachen alten orthodoxen Tradition zu sprechen. Ebenso falsch ist es jedoch, sie für ein völlig künstliches neues Konstrukt ohne tiefe Wurzeln zu halten. Genauer ist es, in ihr das Ergebnis einer langen ideologischen Umformung realer historischer und religiöser Erbschaften zu sehen.
Letztlich wurde die heutige Formel der „Russischen Welt“ möglich, weil in der russischen Geschichte immer wieder das Bedürfnis entstand, Kirche, Volk, Staat und Raum in Kategorien eines gemeinsamen Schicksals zu denken. Doch jede neue Epoche füllte diese Form mit eigenem Inhalt.
Daraus ergibt sich das wichtigste Kriterium der Unterscheidung. Dort, wo es um Taufgedächtnis geht, um Heiligkeit als liturgische und geistliche Qualität, um die universale Natur der Kirche und um pastorale Sorge für die Diaspora, haben wir es mit echten christlichen und historischen Grundlagen zu tun. Dort aber, wo diese Grundlagen in einen Beweis für ein natürliches Recht auf politische Herrschaft, territoriale Vormundschaft oder „heiligen Krieg“ verwandelt werden, beginnt nicht mehr einfach Tradition, sondern ideologische Rekonstruktion.
Der Weg von der Heiligen Rus zur Russischen Welt ist daher nicht nur eine Geschichte der Kontinuität, sondern auch einer tiefen Transformation. Ein religiöses Symbol, einst verbunden mit dem Gedächtnis an Taufe, Heiligkeit und kirchliche Zugehörigkeit, wurde allmählich zur Sprache zivilisatorischer Souveränität, politischer Mobilisierung und Sakralisierung von Herrschaft.
Quellen und Orientierungspunkte der Untersuchung
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